Rant: Ich bin als Mutter keine schlechtere Mitarbeiterin!

Es gibt Themen, die mein Blut sofort in Wallung bringen. So ein Thema ist mir heute in einem Online-Artikel über den Weg gelaufen, den ich sofort auf meinen Facebook-Profil veröffentlicht habe. Auch nach einer entspannenden Yogarunde am Abend lässt mir der Artikel keine Ruhe und ich muss jetzt einfach meinen Senf dazu abgeben. Meist geht es mir danach ja auch viel besser 🙂

Es geht um einen Artikel bei Brigitte Online, der davon handelt, dass Mütter als Arbeitnehmer der pure Horror sind, nicht genug Leistung bringen und ständig Sonderwünsche haben.

Was mich zu allererst an dem Artikel stört, ist, dass mal wieder eine komplette Bevölkerungsgruppe über den gleichen Kamm geschert wird. Es wird gesagt: Alle Mütter sind so! Ich mag so etwas prinzipiell nicht und diese Gleichmacherei regt mich auch in anderen Situationen immer wieder auf.

Aber auch die unterschiedlichen „Anschuldigungen“ Müttern gegenüber finde ich vollkommen daneben! Hier die wichtigsten Aussagen und warum sie mich so aufregen:

  • Mütter fordern – laut Meinung der Autorin Marion Hackl – völlig zu Unrecht Rücksichtnahme auf Kita-Schließzeiten, schlaflose Nächte wegen Erkrankung eines Kindes oder sonstigen Situationen. Selbstverständlich fordern sie dies! Man kann ja schlecht sagen: „Die Kita hat morgen geschlossen. Ich gehe aber normal zur Arbeit und lasse meine Kinder alleine zuhause. Für ein paar Stunden sollten sie das doch schaffen!“ Den Aufschrei möchte ich mal sehen, wenn eine Mutter das wirklich machen würde! Und auch wenn ich nach wie vor finde, dass auch die Väter in die Verantwortung genommen werden müssen (was aber an dieser Stelle ein ganz anderes Thema wäre), bin ich trotzdem der Meinung, dass es eine Selbstverständlichkeit sein sollte, auf persönliche Belange jeglicher Art, nicht nur von Müttern, Rücksicht zu nehmen. Vor allem, wenn die persönlichen Belange unumgänglich sind. Schließlich suchen sich die Mütter die Schließzeiten der Kita nicht aus geschweige denn durchwachte Nächte wegen Krankheit. Oder würde man jemandem, dessen Mutter gerade gestorben ist, auch sagen: „Das passt hier zeitlich grad nicht rein. Du musst dann halt jetzt arbeiten!“ Ich weiß, der Vergleich hinkt, aber ich wollte nur sagen, dass es eben im Leben immer persönliche Belange gibt, die sich mit in die Arbeit mischen. So ist halt das Leben! Dass es bei Müttern eben für eine gewisse Phase des Lebens etwas häufiger auftritt, ist doch nicht ihre Schuld!
  • Mütter arbeiten nicht, sie erledigen vor allem privaten Kram in der Arbeitszeit. Nun möge bitte derjenige den ersten Stein werfen, der noch nie private Dinge während der Arbeitszeit erledigt hat. Ich warte…. Siehste, kein Stein! Ja, es gibt Mütter, die Privates in der Arbeitszeit erledigen. Aber es gibt auch Nicht-Mütter, die das tun. Auch ich habe schon mal Online-Shopping in der Arbeitszeit erledigt. So what? Dafür bleibe ich auch schon mal ein paar Minuten länger, ohne mir die Zeit aufzuschreiben. Zu sagen: Mütter arbeiten ja eigentlich gar nicht, sondern erledigen nur Privates, finde ich enorm vermessen! Jeder macht das mal und manchmal ist es auch nicht zu vermeiden. Außerdem kann mir niemand erzählen, dass er jede einzelne Sekunde seiner Arbeitszeit ausschließlich für das Unternehmen produktiv ist. Das geht auch gar nicht, denn jeder Kopf braucht mal eine Pause. Da darf man dann auch mal einen kurzen Anruf erledigen!
  • Mütter verursachen vor allem Mehrarbeit und es interessiert sie nicht, ob irgendwas fertig werden muss oder nicht. Soso, Mütter sind also ausschließlich eine Belastung, kein Gewinn. Soll sie doch am besten gleich weg bleiben! Ja, es ist nicht besonders toll, wenn etwas fertig werden muss und eine Mutter unbedingt gehen muss, weil sie die Kinder von der Kita abholen muss. Auch wenn mein Mann die Kinder normalerweise abholt, so war ich trotzdem auch ab und zu schon mal in der gleichen Situation. Und soll ich euch was verraten? Die Welt ist bisher noch nie untergegangen, wenn etwas nicht pünktlich fertig geworden ist! Sie rotiert schließlich immer noch, nicht wahr? Es gibt sicher Beispiele von Müttern, denen Deadlines und so tatsächlich egal sind. Aber auch hier wieder: die Beispiele gibt es auch bei Nicht-Müttern oder – Gott bewahre! – auch bei Männern! Ich bin mir aber sicher, dass es den meisten Müttern geht wie mir: Wir verlassen die Arbeit mit einem schlechten Gewissen, weil etwas nicht fertig geworden ist. Denn selbst wenn die Autorin das rigoros anders sieht: Nicht alle Mütter haben den ganzen Tag, auch bei der Arbeit, nur ihre Kinder im Kopf und ignorieren die Verantwortung für ihren Aufgabenbereich! Die Meisten, so setze ich dem entgegen, nehmen ihren Job ernst, machen ihn gerne und würden sich ein Bein ausreißen, um wirklich alles zu schaffen. Kinder werden in diesem Artikel als nettes kleines Hobby dargestellt, für das man gerne freiwillig und ganz ohne äußeren Zwang (Kita-Schließzeiten existieren schließlich nur im Mütter-Parallel-Universum) einfach mal die Arbeit stehen und liegen lässt. Kinder sind aber kein Hobby, sondern in gewissem Sinne Arbeit. Und das auch noch unbezahlt!
  • Mütter brauchen Schonarbeitsplätze. WTF ist das denn? Ein Arbeitsplatz, an dem eine Mutter bloß nicht stört, keinen Schaden anrichten kann, keinen Mehraufwand verursacht und in der Bedeutungslosigkeit versackt, falls sie es nicht eh schon tut, weil sie halt eben eine Mutter ist. Das ist genau das Gegenteil von dem, was eigentlich passieren muss: Müttern mehr zuzutrauen statt weniger und ihnen nicht zu „unterstellen“, dass sie mit der Geburt eines Kindes auch gleich sämtliche zuvor erworbene Kompetenzen verloren haben.

Ich gehe nicht auf die vielen anderen Beleidigungen und Anschuldigungen ein, die ebenfalls in dem Artikel enthalten sind. Sonst höre ich gar nicht mehr auf zu schreiben 😉 Ich möchte aber noch kurz darauf eingehen, was mich am meisten und im Kern an diesem Artikel stört. Es ist nämlich das Menschenbild, das hier vermittelt wird: „Du bist weniger wert, wenn du nicht jederzeit uneingeschränkt dem Wirtschaftssystem zur Verfügung stehst.“ Oder umgekehrt: „Nur wer dem System ausschließlich gibt und nichts nimmt ist ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.“ Das finde ich verdammt happig! Es gibt immer wieder Phasen im Leben, in denen man nicht volle Leistung geben kann. Sei es, dass man einen Angehörigen betreut, krank ist oder einfach eine schwere Phase erlebt. Was ist das für ein Menschenbild, das einem diese Phasen im Leben nicht zugesteht? Das ist einfach nur erschreckend!

Außerdem: Wir Mütter – und auch viele Väter! – leisten so unglaublich viel unbezahlte Arbeit an der Gesellschaft, die aber mit Füßen getreten wird. Ich will keinen Orden (wobei, wenn ich es mir recht überlege…) dafür, dass ich Kinder großziehe. Aber ich möchte Respekt dafür haben, dass sich um Kinder zu kümmern auch Arbeit ist, für die wir im Schnitt als Eltern aber eher draufzahlen statt zu kosten. Das verdient Respekt, keinen Schlag ins Gesicht für alle da draußen, die sich jeden Tag abrackern und zwischen den unterschiedlichen Anforderungen zerreißen! Wir leisten mehr als ein „normaler“ Arbeitnehmer, dafür darf man dann verdammt nochmal auch ein paar „Extraleistungen“ verlangen (die meiner Meinung nach aber eigentlich selbstverständlich sein sollten).

Zusätzlich sehe ich das Kinderkriegen und -aufziehen ein Stück weit auch als gesamtgesellschaftliche Aufgabe an. Immerhin sorgen wir Eltern für die nächste Generation an Steuerzahlern und wir tragen einen nicht unerheblichen Teil zum Wohlstand der Gesellschaft bei. Und wir sollen weniger wert sein, weil wir nicht mehr bis in die Puppen arbeiten können, um eine dämliche Deadline einzuhalten?

Solange eine solche Einstellung vorherrscht, wird es in Deutschland immer nur noch weniger Kinder geben. Armes Deutschland, sage ich das nur!

So, und jetzt geht es mir tatsächlich besser, nachdem ich mir das alles von der Seele geschrieben habe! Gute Nacht 🙂

17 Kommentare zu “Rant: Ich bin als Mutter keine schlechtere Mitarbeiterin!

  1. Gut das ich ein Vater bin. Kann aber auch ein Kommentar eines Kollegen auf meine Aussage das ich die Nächte über bei den Zwillingen schlafe beisteuern: „Das kannste aber nicht machen das muss deine Frau übernehmen, du musst doch hier Leistung bringen.“

    1. Das ist mindestens genauso heftig und absolut unnötig, einem Vater so etwas um die Ohren zu hauen!

        1. Puh, das ist aber mal so richtig hart! Für mich wäre so eine Einstellung ein Grund, die gesamte Beziehung zu hinterfragen.

          1. Getan 🙂

            Und seitdem glückliche alleinerziehende berufstätige Mutter.
            Oh Gott ich muss der Alptraum der Artikelverfasserin sein.

            Gut, dass sowohl meine Kollegen und Vorgesetzte meine Arbeit schätzen und sehr gerne mit mir zusammem arbeiten.
            Den Artikel lass ich gestern und auch mir kocht das Blut noch immer.
            Auch, weil eine Zeitschrift wie die Brigitte dies veröffentlicht.

          2. So ist’s gut 🙂

            Ich hab mir nun gedacht: mit solchen Artikeln erreicht man hohe Klickraten und viel Reichweite, weil sich solche kontroversen Themen immer für verbreiten. Wenn das das Ziel war, wurde es wohl erreicht.

  2. Ja den Gedanken hatte ich. Bekannt ist die Dame nun geworden. Schlechte PR ist ja wohl auch besser wie gar keine PR

    1. Habe gerade auf Facebook mitbekommen, dass der Artikel seitens der „Brigitte“ gelöscht wurde. Mit so einem Shitstorm von entrüsteten Müttern hatten sie wohl nicht gerechnet.

      1. Ja wenn sie da mal nicht einige Leser verloren haben….
        Hatte auch eine entrüstete eMail geschickt. Leider keine Antwort bekommen.

        1. Leser haben sie sicher dadurch verloren. Ich finde es nur so heftig, dass sie einen solchen Artikel überhaupt veröffentlicht haben. Meinungsfreiheit hin oder her…

  3. Eine echte Frechheit. Ich geb dir Recht. Ich habe seit ich wieder arbeite nicht ein einziges Mal wegen der Kinder gefehlt. Aber das ist Glück und klappt auch nur mit einigen „Extraleistungen“. 😉

    1. Ich habe zwar schon wegen der Kinder ab und zu gefehlt. Aber dafür habe ich die „verlorene“ Zeit auch gerne mal nachgearbeitet, wenn alle anderen längst Feierabend hatten.

  4. Mir als werdender Mutter hat neulich eine Kollegin empfohlen: „Wenn Deine Kinder krank sind, sag‘ das nie! NIEMALS! Es wird keiner Verständnis dafür haben! Jeder hat Verständnis, wenn der Kollege wegen eines Friseurbesuchs seine Schicht nicht antreten kann, aber wenn Deine Kinder krank sind….“

    1. Wie toll – ein Friseurbesuch ist natürlich auch viiiiiel wichtiger als ein krankes Kind zu betreuen. Kranke Gesellschaft!

  5. Wahnsinn, wie eingeschränkt die Denkweise leider doch noch imme in vielen Köpfen ist. Ich bin derzeit in Elernzeit, mein Vertrag läuft währenddessen aus. „Mit Ihnen ist ja nicht mehr zu rechnen!“. Ich hoffe sehr, dass ich danach einen neuen Arbeitgeber finde, der zu schätzen weiß, was Frau leisten kann! Und das Organisiationstalent einer Zwillingsmama ist nicht zu unterschätzen 😉

Kommentar verfassen